· 

Iteration Zero – von der Produktidee zum Backlog

Beim Berner Agile Breakfast drehte sich im März alles um die spannende agile Methode der Iteration Zero. Die Methode besteht aus einem kompletten agilen Framework und richtet sich an etablierte Unternehmen. In Bern berichtete Franziska Stebler, eine der beiden Erfinder_innen, von der Methode.

Gute Ideen bestehen und verbreiten sich. So auch die agile Iteration Zero, die ursprünglich im Auftrag der SBB im Rahmen entsprechender Coachings entwickelt wurde – von Franziska Stebler und Ruedi Gysi. Die Methode stiess auch ausserhalb der SBB auf Interesse und wird mittlerweile auch unabhängig von der SBB angewendet und weitergegeben. 

 

Die agile Methode eignet sich v. a. zur agilen Produktentwicklung und lässt sich auch ausserhalb der Softwareentwicklung anwenden. Mit der Website iterationzero.works lassen sich die Iteration-Zero-Praktiken en detail nachvollziehen. Explizit darf und soll die Methode gemäss dem Open-Source-Gedanken geteilt und weiterverbreitet werden.

Mehr Agilität für die Old Economy

Die Iteration Zero richtet sich explizit an etablierte Unternehmen, die mehr Drive und «Startup-Feeling» in ihre Organisation bringen möchten. Die Methode ist insofern ein Hilfsmittel, um auch mit angestaubten Strukturen neue Wege beschreiten zu können. Denn: gerade etablierte Firmen, die ja durchaus erfolgreich auf dem Markt agieren, fällt es oft schwer, agil zu arbeiten bzw. neue Ideen und Methoden zu integrieren.

Die agile Methode folgt dem Open-Source-Gedanken und lässt sich auf der Website genauer nachvollziehen. (Quelle: Screenshot von iterationzero.works)
Die agile Methode folgt dem Open-Source-Gedanken und lässt sich auf der Website genauer nachvollziehen. (Quelle: Screenshot von iterationzero.works)

Im agilen Prozess der Iteration Zero werden ganz grundlegende Fragen aufgeworfen und beantwortet. Die Methode ist damit kein Ersatz für andere agilen Techniken wie die populäre Scrum-Methode. In sechs Schritten entsteht ein Backlog, das für die weitere Produktentwicklung eingesetzt werden kann.

In sechs Schritten zum gefüllten Backlog

Die Iteration Zero führt in sechs Schritten zum Backlog, der später mit anderen (agilen) Methoden bearbeitet werden kann. Die Techniken folgenden Techniken sind nicht neu – was aus meiner Sicht einen grossen Vorteil darstellt. Auch Unternehmen, für die agiles Arbeiten nicht selbstverständlich ist, haben sicherlich dennoch von der einen oder anderen Technik einmal gehört und können diese dann einfacher anwenden. 

 

Zu den Teilnehmer_innen der Iteration Zero gehört ein festes Team, das sich aus einem_einer Intitator_in, wichtigen Stakeholdern, Kund_innen sowie Fachspezialist_innen zusammensetzt. Zudem empfiehlt es sich stark, einen erfahrenen Coach als Begleiter_in des Prozesses zu auszuwählen. 

In sechs Schritten führt die Iteration Zero von der Produktvision bis zu einem gefüllten Backlog.
In sechs Schritten führt die Iteration Zero von der Produktvision bis zu einem gefüllten Backlog.

Schritt 1: Elevator Pitch

Mit dem Elevator Pitch nimmt die Iteration Zero ihren Anfang. Als Startschuss wird die initiale Produktidee ins Team getragen. Diese kann schon sehr konkret vorliegen oder auch noch unklar sein. Wichtig ist dabei, dass die Grenzen fest abgesteckt sind: wieviele Änderungen an Produktidee und -konzept sind erlaubt und erwünscht? Mit dem Elevator Pitch findet das Team eine erste gemeinsame Produktvision, die alle Teilnehmer_innen begeistert. 

Schritt 2: Minimum Viable Product

Das Minimum Viable Product, kurz MVP, ist eine Produktversion, die nur die wichtigsten Funktionen enthält. Diese Kernfunktionen dürfen auch über technische Voraussetzungen hinausgehen und die Nutzung der Produkte einschliessen. Im Rahmen der Iteration Zero werden alle Zielgruppen erfasst und geclustert. Um das MVP zu erarbeiten, werden nur die wichtigsten Zielgruppen beachtet.

Schritt 3: Product Vision und Personas

Personas sind idealtypische Vertreter_innen der Kund_innen bzw. User des Produkts. Ausgehend von den primären Zielgruppen, die im zweiten Schritt bestimmt wurden, werden aus den Zielgruppen heraus Personas bestimmt. Die ausgearbeiteten Personas müssen zwingend empirisch überprüft werden – schliesslich bilden diese eine wichtige Grundlage für die nächsten Schritte und sollen nicht nur die Meinung des Teams abbilden, sondern eine Verbindung zur realen Marktsituation haben.

 

Anschliessend wird die Produktvision erarbeitet, ganz im Sinne der Frage «Warum verbessert unser Produkt die Welt?». Konkret wird eine Product Vision Map erstellt, die die wichtigsten Produktfunktionalitäten, die Personas und ihre Bedürfnisse enthält. Auch hier ist eine Überprüfung am Markt wichtig. 

Schritt 4: Story Mapping

Mit dem Erstellen der Story Map wird es konkret. Mit der Story Map werden die verschiedenen Interaktionen der Personas bzw. Zielgruppen mit dem Produkt dargestellt. Hinter den Aktivitäten steckt meist ein bestimmter Ablauf, der von den Kund_innen durchlaufen wird – gerne auch als Customer Journey bezeichnet. Den erarbeiteten Journeys können anschliessend konkrete User Stories zugewiesen werden. Bei der Iteration Zero wird ausgehend vom Story Mapping das Minimum Viable Product definiert. 

Einen kleinen Einblick in die Methodik der Iteration Zero erhielten die Teilnehmer_innen des Agile Breakfast in Bern dank einer praktischen Übung – beim Story Mapping.
Einen kleinen Einblick in die Methodik der Iteration Zero erhielten die Teilnehmer_innen des Agile Breakfast in Bern dank einer praktischen Übung – beim Story Mapping.

Schritt 5: Erstes Produktinkrement

Es lebt: das erste Produktinkrement. Die erste Minimalversion des Produkts ist definiert und sollte idealerweise so schnell wie möglich an die Kund_innen ausgeliefert werden. Damit kann das Feedback der Kund_innen in die Produktentwicklung einbezogen werden – statt das Produkt an der Zielgruppe vorbei weiterzutreiben. Hierbei ist im Sinne der Iteration Zero besonders wichtig, dass es sich tatsächlich um das MVP handelt und dieses nicht schon frühzeitig durch weitere Funktionen erweitert wird.

Schritt 6: Backlog

Spätestens jetzt wird es ernst, denn das Backlog als priorisierte Anforderungsliste entsteht. Auf Basis der Story Map wird das Backlog mit grossen und kleinen Items (Epics und User Stories) gefüllt. Die User Stories werden, wie auch bei anderen agilen Methoden, nach dem üblichen Schema erstellt.

Dem Fluss der Ungewissheit folgen

Die Iteration Zero spricht vom sogenannten Fluss der Ungewissheit als Symbolbild für die Reise, auf die sich die Teilnehmer_innen begeben sollen. Die Methode wird mittels Workshops durchgeführt. Dabei steht der Erlebnisgedanke im Vordergrund: jeder dieser Workshops soll ein Erfolgserlebnis für die Mitglieder sein. Im Laufe der Workshops sollte sich die Ungewissheit dann in Klarheit verwandeln.

 

Nicht umsonst ist die agile Technik der Iteration Zero mit der SBB als grossem und langjährigen Traditionsunternehmen entstanden. Die Methode ist besonders geeignet für Firmen, die lange gewachsene Strukturen haben und damit Innovation nicht immer einfach ist. Der Erlebnischarakter der Workshops und die bewährten und bekannten Methoden, mit denen die Iteration Zero arbeitet, sind eine gute Voraussetzung. Immerhin hat sich die Technik mittlerweile auch ausserhalb der SBB in anderen Unternehmen bewährt. 

 

Dynamische und junge Unternehmen haben es schlicht nicht nötig, eine solche Methode anzuwenden. Der Aufwand für die einzelnen Schritte der Iteration Zero ist recht hoch, wenn die Methodik sauber durchgeführt wird und sollte sich deshalb lohnen. Denn die Schritte werden nicht nur in einem interdisziplinären Team erarbeitet, sondern müssen auch empirisch – sprich mit den Kund_innen – überprüft werden. Ihre Stärke spielt die Iteration Zero für umfangreiche Produktentwicklungen in mittleren und grossen Unternehmen aus. 

Und weiter geht's:

Digitale Sinus-Milieus: das steckt dahinter

Mit den Sinus-Milieus werden Zielgruppen beschrieben. Die digitalen Sinus-Milieus gehen einen Schritt weiter und zeigen, wie die einzelnen Milieus neue Medien nutzen und online angesprochen werden können.

Deshalb kann Nachhaltigkeit nerven

Nachhaltigkeit ist «irgendwie wichtig» und viele Unternehmen versuchen jeweils auf ihre eigene Art, sich damit auseinanderzusetzen. Was können Unternehmen machen, um «nachhaltig» zu sein?