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Im Zweifel für den Zweifel? Die Macht der Entscheidung

Zweifel gehört zum privaten wie beruflichen Alltag. Besonders konkret wird der Zweifel, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Wir sind ständig damit konfrontiert, Entscheidungen treffen zu müssen: wenig entscheidende über die Menge der Milch im Kaffee bis hin zur wegweisenden Wahl der richtigen Vorgehensweise und Strategie. Dabei erlebt der Zweifel aktuell sogar einen kleinen Hype, denn: Zweifel sind erlaubt.

Alle machen Fehler, und gerade die US-amerikanische Unternehmenskultur, die unsere Gründer_innenszene massgeblich beeinflusst, honoriert Fehler sogar explizit. Fehler passieren und dürfen gemacht werden, solange man daraus lernt. Ebenso darf man Zweifel haben, die sich in die jeweilige Fehlerkultur integrieren. Das ist (noch) nicht überall so, aber durchaus eine Entwicklung, die voranschreitet. 

 

In Symposien wird über die Kraft des Zweifelns diskutiert und Autor_innen wie der Organisationsforscher und Betriebswirt Günther Ortmann publizieren Bücher mit dem Titel «Kunst des Entscheidens: ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer». Ausstellungen und Keynotes beschäftigen sich immer häufiger mit dem Zweifel und seinen positiven Seiten. Doch natürlich hat der Zweifel auch seine Schattenseiten.

Das Dilemma der Unentscheidbarkeit

Zweifel kommen immer dann auf, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen. Nach Ortmann ist Zweifel «die Stimme der verschwiegenen Unmöglichkeit der Entscheidung». Heisst: nicht die Entscheidung selbst bereitet uns die Zweifel, sondern die Tatsache, dass beim Abwägen der Wahlmöglichkeiten unklar ist, welche die beste ist. Wenn wir wüssten, welche die idealste Lösung wäre, würden wir nicht von Zweifeln geplagt werden. Hinter dem Zweifel steckt also auch die Unsicherheit, wie eine Lösung aussehen könnte bzw. welche der gegebenen Lösungsmöglichkeiten zu wählen sind.

 

Das Problem nun: Zweifel stören beim Handeln, sie hemmen unsere Aktionen und verlangsamen uns. Wer sich zu stark von Zweifel leiten lässt, wird gelähmt und darin unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Das Problem an Entscheidungen ist: wir wissen nicht bzw. wenn überhaupt erst im Nachhinein, welche Auswahlmöglichkeit die für uns beste ist. Insofern ist ein gewisser Zweifel immer da, auch wenn nicht jede_r sich diesen erlaubt. 

 

Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang vom Theorem der Unentscheidbarkeit: das, was wir entscheiden müssen, können wir nicht (rational) entscheiden, da uns dazu die Entscheidungsgrundlage fehlt, sprich das passende Wissen bzw. die Datengrundlage. Gibt es offensichtliche oder zwingende Gründe bzw. Argumente für die eine oder andere Möglichkeit, haben wir auch keine Zweifel, sondern können die Entscheidung treffen. 

Zweifel als Instrument der Manipulation

Unter Umständen kann es im Interesse einer Person, Gruppe oder Organisation liegen, gezielt Zweifel zu streuen. Lobbyorganisationen sind klassische Organe, die Zweifel verbreiten sollen und so die Einstellung und Handlungen von Politik, Medien und öffentlicher Meinung versuchen zu ändern und zu beeinflussen. Ob dies auf gesellschaftlicher oder individueller Ebene passiert, ändert nichts am eigentlichen Mechanismus: Zweifel zu verbreiten sind ein geeigneter Ansatzpunkt, um Meinungen zu ändern. Idealerweise stammen die Argumente dafür aus neutralen Quellen wie wissenschaftlichen Studien, seriösen Instituten oder ähnlich glaubhaften Quellen. 

 

Als Unternehmen möchte ich verhindern, dass meine Kund_innen an meinem Produkt und dessen Qualität und Funktionsweise zweifeln. Um Zweifel zu minimieren, müssen Marken unter Umständen in passende Kommunikationsmittel investieren und eine gegen die bestehenden oder aufkommenden Zweifel gerichtete Beweisführung antreten. Denn: ist der Zweifel einmal gesät, lässt dieser sich nur schwer wieder beseitigen. Der Fall Kachelmann ist ein krasses Beispiel dafür, dass massive Zweifel an der Glaubwürdigkeit einer öffentlichen Person auch dann bestehen blieben, als diese juristisch für unschuldig erklärt wurde (bzw. wurde das Ermittlungsverfahren wegen fehlendem Tatverdacht eingestellt, um bei den Tatsachen zu bleiben). Nur schon die Nutzung bestimmter Wörter trägt den Zweifel schon in sich und manipuliert uns auf eine gewisse Art und Weise permanent. Gerade beim hitzig diskutierten Thema der Einwanderung von Asylsuchenden wurden Wörter wie Flüchtlingsstrom oder Flüchtlingskrise verwendet. Die Verwendung und Verbreitung solcher Vokabeln beeinflusst und kann Meinungen ändern.

Moderne Technik vs. Zweifel

Was ist eigentlich das Gegenteil von Zweifel: Vertrauen, Glaube, Sicherheit? Wenn der Zweifel die Unmöglichkeit ist, sich zu entscheiden, dann ist dessen Gegenteil die Sicherheit, eine der Varianten zu wählen. Ein Sicherheitsversprechen kann uns vom Zweifel befreien. Dazu braucht es ausreichend Vertrauen in das gewählte Entscheidungsinstrument.

 

Wissenschaft und Technik – bzw. idealerweise beides in Verbindung – sind die besten Garanten für ein solches Sicherheitsversprechen. Denn sie beten uns Möglichkeiten an, wie wir unsere Entscheidungen auf eine Datengrundlage stellen können. Alphabet aka. Google als Unternehmen, das riesigen Datenmengen besitzt, gilt als einer der Vorreiter im Bezug auf data-driven marketing sowie data-driven decision-making. Statt von Bauchgefühl und Erfahrung werden Entscheidungen auf der Basis von validen Daten getroffen, die eine exakte und nachvollziehbare Entscheidungsfindung erlauben.

 

Eine sorgfältige Analyse und Zusammenführung von verfügbaren Daten (Stichwort Big Data) ist eine wunderbare Grundlage für eine rationale und begründbare Entscheidung. Jede Firma verfügt über unzählige Daten, die ausgewertet und auf deren Grundlage Budgets, Investitionen und weitere Entscheidungen getroffen werden können. Algorithmen können dabei helfen, die Daten zu strukturieren. Die Entlassung von Gefängnisinsass_innen, die Auswahl passender Bewerbungen oder die Gewährung von Krediten wird heute schon durch Algorithmen unterstützt und so eine Entscheidung erleichtern oder sogar treffen. Auch selbstlernende Systeme und künstliche Intelligenz können (und werden bereits) in die Entscheidungsfindung einbezogen.

 

Durch die Aufbereitung von Daten können Zweifel also beseitig werden. Problem gelöst? Manche haben auch an dieser Stelle Zweifel. Auch Algorithmen und künstliche Intelligenz sind immer nur so weit wie ihre Erschaffer_innen. Technik kann uns auch eine vermeintlich klare und neutrale Entscheidung vorgaukeln. Ein einfaches Beispiel hierfür ist der automatische Seifenspender, der nur hellhäutige Hände erkennt und bei dunklerer Haut nicht reagiert. Wenn man Zweifel als kritischen und hinterfragenden Blickwinkel versteht, dann sollte man auch die Entscheidung von Rechenmaschinen immer wieder anzweifeln.

Die Kraft des Zweifelns

Zweifel zu haben und sich nicht entscheiden zu können, kann anstrengend sein. Entscheidungshilfen bieten Abhilfe und unterstützen dabei, unsere Gedanken zu strukturieren und in neue Bahnen zu lenken. Denn vielleicht zweifeln wir genau deshalb, weil wir noch nicht die beste Lösung gefunden haben. Wenn uns eine innere Stimme also zweifeln lässt, dann lohnt es sich in vielen Fällen, auf diese Stimme zu hören. 

 Um Zweifel aufzulösen, können neben passenden Kreativitätstechniken Gespräche mit dem Umfeld und Arbeitskolleg_innen ebenso bei der Entscheidungsfindung helfen wie eine Pro-Contra-Liste. Auch die Suche nach Datenquellen, auf der die Entscheidung gestützt werden kann und mit der die eigenen Zweifel ausgeräumt werden können, erscheint sinnvoll. Vor allem, wenn es sich um komplexere Zusammenhänge handelt, über die entschieden werden soll.

 

Die Psychologie bietet zudem einige Tricks an wie den klassischen Münzwurf oder das Erzwingen einer Entscheidung. Zum Beispiel, indem man sich ein zeitliches Limit setzt. Der Münzwurf hilft übrigens auch dabei, sich der eigenen Entscheidung bewusst zu werden. Denn in vielen Fällen haben wir bereits eine Entscheidung getroffen, zögern aber, diese auszuführen und haben deshalb vermeintlich Zweifel. Keine Entscheidung zu treffen bzw. diese aufzuschieben kann oft auch eine Form der Entscheidung sein. Vielleicht nicht die beste Möglichkeit, aber auch denkbar ist es, die Entscheidung einfach dem Zufall zu überlassen. 

 

Wie schon Tocotronic einst sangen: «Im Zweifel für den Zweifel / Das Zaudern und den Zorn / Im Zweifel fürs Zerreissen / Der eigenen Uniform». Man darf sich Zweifel erlauben und sollte sich auch die Zeit dazu einräumen, über Entscheidungen gründlich nachzudenken. Schnelle Entscheidungen, deren Negativvariante der sogenannte blinde Aktionismus ist, sind manchmal erforderlich, aber eben nicht immer. Wer sich nicht vom Zweifel lähmen lässt, kann davon durchaus profitieren.

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